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Auf dem Weg zu einer digitalen Baukultur – BSA/FAS

Erneuern und bewahren

Wie gut werden Studierende hierzulande auf die Arbeit in der digitalisierten Bauwirtschaft von morgen vorbereitet? Unzureichend, finden Johannes Käferstein und Harry Gugger, die am Positionspapier des Architekturrats der Schweiz zur Digitalisierung entscheidend mitgewirkt haben. Sie sehen die Architekturschulen in der Pflicht.

Elias Baumgarten, Caspar Schärer

Elias Baumgarten:  Johannes, Harry, an unserer Tagung «Auf dem Weg zu einer digitalen Baukultur» im November 2019 wurde kritisiert, Schweizer Studierende würden nicht ausreichend für die digitale Zukunft der Bauwirtschaft fit gemacht.

Harry Gugger: Dieser Kritik gebe ich statt. Gerade in den Bereichen künstliche Intelligenz, maschinelles Lernen und computational thinking hinken wir bedenklich hinterher. Zum Beispiel ist computational thinking einzig an der EPF Lausanne im Vorkurs Thema – und das auch nur, weil die Hochschulleitung Druck aufgesetzt hat. Das ist schade, weil uns all diese Dinge helfen könnten, auf wichtige Zukunftsfragen wie den Klimawandel zu reagieren. Zum Beispiel könnten klimatische Parameter im Städtebau besser berücksichtigt werden. Digitale Werkzeuge ermöglichen uns, auf eine immer komplexere Welt angemessen zu reagieren.

Eine gesunde Diskussionskultur ist einer der Grundpfeiler einer guten Architekturausbildung. (Foto: Markus Käch)

Caspar Schärer:  Schon im August 2019 hat der Architekturrat der Schweiz deswegen ein Positionspapier zur Digitalisierung herausgegeben. Ihr wart als Präsident beziehungsweise Vizepräsident daran zuvorderst beteiligt.

Harry Gugger: Es geht uns bei diesem Arbeitspapier um mehrerlei: Viele Hochschulleitungen machen ihren Architekturfakultäten Vorwürfe, sie würden in Sachen Digitalisierung nichts unternehmen. Wir wollten den Vertretern der Fakultäten einen Leitfaden an die Hand geben, den sie weiterreichen können, um aufzuzeigen, dass sich der Architekturrat als Vereinigung aller Schweizer Schulen sehr wohl mit dem Thema befasst. Zudem geht es uns darum, an den Architekturschulen die Aufmerksamkeit zu schüren und Veränderungen anzustossen.
Was mir zum Beispiel in besonderem Masse fehlt, ist eine echte Zusammenarbeit unserer Architekturfakultäten. Es gibt bereits seit längerem den Nationalen Forschungsschwerpunkt Digitale Fabrikation, der sich vornehmlich mit digitalen Bautechniken befasst. Etwas Vergleichbares brauchen wir auch auf einer architektonisch-entwerferischen Ebene. Die Entwurfslehrstühle müssten daran landesweit gemeinsam arbeiten. Leider muss ich klar sagen, dass hier seitens der Schulen viel zu wenig geschieht. Es ist tragisch, dass wir uns nicht als Ausbildungslandschaft Schweiz verstehen. Wir müssen das Konkurrenzdenken untereinander endlich überwinden. Erstaunlicherweise gibt es zwar tolle, sehr fruchtbare und teils über Jahre bewährte Kooperationen unserer Architekturschulen mit ausländischen Partnern, doch im eigenen Land klappt dergleichen kaum.

Johannes Käferstein: Bereits das Positionspapier als kompromissfähige Grundlage auszuhandeln, war ausgesprochen anspruchsvoll. Unter den Mitgliedern gab es engagierte Diskussionen darüber, wie progressiv es ausfallen sollte. Wir mussten feststellen, dass die Anpassung der Lehrpläne an die voranschreitende Digitalisierung innerhalb der Schulen auf Widerstand stösst. Ich selbst habe das in Luzern, wo ich das Institut für Architektur leite, deutlich gespürt. Auch das war ein Grund, das Papier zu verfassen. Für die Zukunft sehen wir noch viel Verbesserungs- und Präzisierungsbedarf und möchten darum an dem Leitfaden weiterschreiben.

Caspar Schärer:  Was aber sollen die Schulen konkret unternehmen? Das Curriculum ist bereits sehr voll, das Studium verhältnismässig kurz. Immer wieder wird gefordert, den Lehrplan zu verschlanken. Viel Platz für neue Inhalte sehe ich da nicht.

Harry Gugger: Das ist eine gute Frage, auf die wir noch keine klare Antwort haben. Wir werden ausdiskutieren müssen, wie alle relevanten Themen und Fächer nebeneinander Platz haben können, ohne das Curriculum noch weiter zu überladen. An der EPFL wurde kürzlich von der Leitung der Hochschule vorgeschlagen, eine Professur für Architektur und Digitales zu schaffen und dafür auf einen Architekturhistoriker zu verzichten. Es darf aber nicht die Lösung sein, wichtige Fächer wie Architekturgeschichte und -theorie zu opfern, um digitale Inhalte neu im Lehrplan unterzubringen.

Johannes Käferstein: Wir müssen uns darüber klar werden, was genau wir unter Digitalisierung verstehen. Ist es die Anwendung von Tools? Wollen wir Werkzeuge wie Photoshop oder ein CAD-Programm unterrichten? Oder setzen wir darauf, dass sich die Studierenden den Umgang mit ihnen selber beibringen beziehungsweise ihn später im Büro rasch lernen? Mir scheint, die meisten Schulen haben sich inzwischen für den zweiten Weg entschieden. Interessanter als die stumpfe Anwendung ist doch ohnehin, wie man digitale Werkzeuge entwerferisch und in der Praxis nutzen kann. Und da sehen wir grossen Nachholbedarf an den Schulen. An der Hochschule Luzern – Technik & Architektur haben wir uns schlussendlich entschieden, «Digital Construction» als neuen Studiengang auf Bachelorebene am Institut für Gebäudetechnik und Energie sowie am Institut für Architektur anzusiedeln. «Digital Construction» bezeichnet das digital basierte Entwerfen, Planen und Bauen der Zukunft. Der doppelt geführte Studiengang ist ein Commitment an die Interdisziplinarität der Baubranche.

Traditionelle Kernkompetenzen unserer Disziplin stehen an der HSLU wie an allen Schweizer Architekturschulen nach wie vor im Fokus der Ausbildung: Verhandlung des Massstabs im ersten Semester, Atelier Johanna Blättler und Danièle Heinzer. (Foto: Markus Käch)

Harry Gugger: Das Grundproblem besteht wohl darin, sich einzugestehen, dass man sich das Wissen um neue Methoden und Werkzeuge von Expertinnen anderer Disziplinen holen muss. Dass sich Neues allein aus unserer «archaischen» Domäne heraus entwickelt, ist ein Trugschluss. Ich finde problematisch bis verantwortungslos, dass sich heute angesichts einer immer komplexeren Welt ein beträchtlicher Anteil von uns auf die Autonomie der Architektur beruft. An meinem Lehrstuhl an der EPFL haben wir temporär einen Experten für Geoinformationssysteme GIS angestellt, um den Wissenstransfer in Gang zu bringen. Er hat uns gezeigt, wie man GIS-Daten als Architekt nutzen kann. Das war sehr gewinnbringend. 

Elias Baumgarten:  Darum fordert ihr in eurem Papier ein, die Studierenden für lebenslanges Lernen zu begeistern?

Harry Gugger: Ja, denn mit der so wichtigen continuing education tun wir Architekt:innen uns bisher leider schwer. Wir sollten auch nach dem Studium Teil der akademischen Welt bleiben und uns stetig weiterbilden. Dafür müssen die Schulen viel mehr tun. Ich sehe bisher fast nur Angebote für den Umgang mit Werkzeugen wie BIM – das reicht nicht.

Elias Baumgarten:  Wir haben in der Schweiz beispielsweise weltweit führende Expert:innen, wenn es um die Nutzung von Robotern im Bauprozess oder die Erforschung neuer Baumaterien geht. Doch die hiesige Architekturszene scheint davon nur wenig Notiz zu nehmen, geschweige denn zu profitieren. 

Harry Gugger: Sind wir doch ehrlich: Die Vorstellung vom Architekten als Autor hält sich trotz aller anderslautender Beteuerungen noch immer hartnäckig. Das hemmt letzten Endes die Innovationskraft. Es formt Einzelkämpfer und eine Unmenge keiner Büros, die sich alle gegeneinander abzugrenzen versuchen. Die Bereitschaft, wirklich in Gemeinschaft oder gar interdisziplinär zu arbeiten, ist gering.

Johannes Käferstein: Für meine Begriffe sind die Studierenden für echtes interdisziplinäres Arbeiten heute weitaus offener als unsere Generation, Harry. Mir scheint das Problem eher bei den Dozierenden zu liegen. Eine Veränderung beim Umgang mit digitalen Werkzeugen und vielleicht auch mit dem Thema Autorenschaft wird mit einem Generationswechsel ganz natürlich kommen.

Die Schlusskritiken fanden an der HSLU im ersten Pandemiejahr online statt. Die Krise macht uns auf Potenziale und Limitierungen digitaler Kommunikationsmittel aufmerksam. (Bild: Markus Käch)

Harry Gugger: Dass du den Umgang der jungen Kollegen mit digitalen Werkzeugen ansprichst, führt mich zu einem Punkt, den wir noch nicht besprochen haben: Neulich ist mir im Gespräch mit einem jungen Mitarbeiter meines Büros aufgefallen, dass sich unser Nachwuchs Räume vielfach nicht mehr anhand von abstrakten Plänen vorstellen kann, sondern nur noch über das 3D-Modell. Hier geht etwas verloren, die Einbildungskraft leidet. Das bereitet mir grosse Sorgen. Wir müssen gerade in diesen Zeiten tiefgreifender Veränderungen unsere Domäne umfassend beherrschen und die unbestrittenen Experten im räumlichen Entwerfen bleiben. Wir müssen uns also in der Diskussion um neue Werkzeuge und Möglichkeiten auf unsere Kernkompetenzen berufen. Andernfalls verlieren wir unsere Daseinsberechtigung.

Johannes Käferstein: Und darum haben wir in unserem Positionspapier als Fazit festgehalten: «Die Digitalisierung verändert den Bauprozess. Schweizer Architekturschulen müssen die Digitalisierung in die akademische Lehre und Forschung integrieren, ohne dabei ihre Kernkompetenz aus dem Blick zu verlieren: die Verantwortung für die Gestaltung der qualitativen und intellektuellen Aspekte des Raumes.»

Caspar Schärer:  Wir danken euch für das offene, interessante Gespräch.