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Partizipation – die Zivilgesellschaft redet mit – Verlag Werk

Irgendwann wird entschieden

Am St. Galler Marktplatz war die Situation völlig verfahren, als mit einem breit angelegten partzipativen Prozess endlich der Durchbruch gelang. Irene Schütz begleitete das Verfahren von Anfang an als Projektleiterin in der St. Galler Stadtplanung. Massgeblich unterstützt wurde sie dabei von Sabine Hosennen, die als Fachspezialistin in der Kommunikationsabteilung der Stadt St. Gallen ein Konzept für den umfangreichen Prozess ausarbeitete.

Caspar Schärer, Roland ZügerPublikation bestellen

Roland Züger: Frau Hosennen, Frau Schütz, wie ist es überhaupt zu dem partizipativen Prozess im Zusammenhang mit der Neugestaltung von Marktplatz und Bohl in St.Gallen gekommen?

Irene Schütz: Nach zwei verlorenen Volksabstimmungen 2011 und 2015 beschloss der Stadtrat Mitte 2016, mit dem «Forum Marktplatz» den Prozess völlig neu zu lancieren. Die abgelehnten Projekte waren sorgfältig erarbeitet, aber sie konnten die Mehrheit der Bevölkerung offenbar nicht überzeugen. Um die Gründe für diese Ablehnung zu erfahren, wurden Analysen durchgeführt, und wir organisierten mehrere verwaltungsinterne Workshops. Wir kamen zum Schluss, dass sich einige Anspruchsgruppen nicht ausreichend abgeholt fühlten.

Sabine Hosennen: In jener Zeit kam es gleich zu mehreren Beteiligungsverfahren, so etwa beim Bahnhof Nord oder beim Projekt «Zukunft St.Galler Innenstadt», in dem es um den Strukturwandel im Einzelhandel geht.

Caspar Schärer: Wie wurde das Verfahren am Marktplatz und Bohl aufgegleist?

Irene Schütz: Nach dem Stadtratsentscheid wurden mögliche Anbieter für die Durchführung des Verfahrens zur Offerteingabe eingeladen; Michael Emmenegger aus Zürich wurde schliesslich das Mandat übertragen. Er organisierte die insgesamt drei Foren und stand in einem engen Austausch mit uns. Die jeweiligen Anspruchsgruppen konnten sich für die Foren anmelden. Hinzu kamen mehrere öffentliche Informationsveranstaltungen für die breite Bevölkerung. Selbst nachdem der Prozess abgeschlossen war, suchten wir nochmals das Gespräch mit einzelnen Protagonisten. Ich möchte aber in diesem Zusammenhang auf die unschätzbare Rolle der städtischen Kommunikation hinweisen: Sie kannten die Leute vor Ort und die heiklen Stellen im Prozess und wussten, welche Leute man wann und wie abholen kann.

Sabine Hosennen: Die Kommunikation begann für einmal etwas ungewöhnlich mit einem umgestalteten Baucontainer auf dem Marktplatz. Damit wurde für alle sichtbar, dass jetzt etwas ins Rollen kommt. Wir konnten unsere Stadträtinnen und Stadträte sowie Amtsleiterinnen und Amtsleiter dafür gewinnen, vor dem Container Flyer und Guetsli, sogenannte «Marktplätzchen», zu verteilen. Das war ein deutliches Zeichen des Neuanfangs.

Caspar Schärer: Wenn also die Kommunikation so wichtig war: Wie sind Sie, Frau Hosennen, an dieses doch grosse und komplexe Projekt herangegangen?

Sabine Hosennen: Wie bei jedem grösseren Projekt erarbeiteten wir zunächst ein Kommunikationskonzept. Darin enthalten ist unter anderem eine genaue Analyse der Anspruchsgruppen, Kommunikationsziele mit Massnahmenkatalog, eine Stärken-Schwächen-Analyse und eine Liste nasty questions

Roland Züger: Nasty questions?

Sabine Hosennen: Nun ja, die kritischen Fragen, die auf Verwaltung und Politik zukommen könnten. Man will ja vorbereitet sein.

Visualisierung des Siegerprojekts «Vadian» von Lorenz Eugster Landschaftsarchitektur und Städtebau GmbH, Zürich, Brassel Architekten GmbH, Zürich und Flühler Architektur GmbH, St.Gallen.

Roland Züger: Welche Massnahmen haben sich bewährt, welche weniger?

Irene Schütz: Stadträtin Maria Pappa, die das Projekt von ihrer Vorgängerin übernahm, steckte viel Herzblut in das Verfahren. Es war ihr ein Anliegen, dass die Bevölkerung wirklich involviert wird. So ist sie fast schon eine Miss Marktplatz geworden. Dieses Engagement hat die Bevölkerung registriert und positiv aufgenommen (Anmerkung der Autoren: Maria Pappa war zum Zeitpunkt des Interviews Stadträtin; Ende November 2020 wurde sie zur Stadtpräsidentin gewählt). Bei solchen Prozessen ist es immens wichtig, dass sich die Leute wirklich einbringen können und verstanden fühlen. Das hat auch Michael Emmenegger immer wieder betont.

Sabine Hosennen: Es muss aber auch transparent festgehalten werden, welche Punkte nicht zur Debatte stehen. Ich möchte nicht unerwähnt lassen, dass dann aber nach allen Workshops und Foren irgendwann entschieden werden muss. Das ist Aufgabe der Politik.

Caspar Schärer: Konnten Sie in den Verfahren typische, immer wiederkehrende «Stolpersteine» identifizieren?

Irene Schütz: Innerhalb der Verwaltung gab es durchaus unterschiedliche Meinungen zum «Forum Marktplatz». Solche Differenzen sind kein Problem, solange man nach aussen geschlossen auftritt, was uns ein grosses Anliegen war.

Sabine Hosennen: Die Markthändler sind eine kleinere Anspruchsgruppe, die sich aber gut bemerkbar machen kann. Wir stellten aber fest, dass sie untereinander oft nicht einig sind. Ihnen wurde geraten, sich zuerst intern zu formieren und finden, damit sie geschlossener auftreten können. Und ja, alle müssen sich im Klaren darüber sein, dass am Schluss ein Kompromiss herausschaut. Niemand wird ganz und gar gewinnen, aber auch niemand verlieren.

Roland Züger: Welchen Rat möchten Sie einer Kollegin, einem Kollegen in einer anderen Gemeinde unbedingt weitergeben?

Sabine Hosennen: Ein derart aufwändiger Prozess kann nicht für jedes Bauvorhaben durchgeführt werden. Für Marktplatz und Bohl, diese zentralen Plätze in der Stadt St.Gallen, war es sinnvoll.

Irene Schütz: Die enge Zusammenarbeit zwischen Stadtplanung und Kommunikation war meiner Ansicht nach entscheidend in diesem Verfahren. Mit dieser Erfahrung ist für mich klar, dass die Kommunikation nicht an ein externes Büro vergeben werden kann. Sie soll innerhalb der Verwaltung verankert sein. 

 

Irene Schütz ist Architektin und Raumplanerin und arbeitet bei der St. Galler Stadtplanung.

Sabine Hosennen ist Medien- und Kommunikationswissenschaftlerin in der Kommunikationsabteilung der Stadt St. Gallen.