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Kantonsarchitekten – Aufgaben und Rollenbilder – Verlag Werk

Fragen stellen!

Als Stadtarchitektin von Kopenhagen setzte sich Tina Saaby strategisch geschickt für die Belange der Baukultur in der Verwaltung ein. Als eigentliche Krönung ihrer Amtszeit kann die 2018 publizierte architecture policy der Stadt Kopenhagen betrachtet werden. Im Gespräch mit Ludovica Molo erklärt Tina Saaby, wie sie dank eines starken Mandats im Rücken Einfluss auf die Planungsprozesse nehmen konnte. Sie mahnt aber auch, dass Stadtarchitekten nicht etwa Entscheidungen treffen, sondern in erster Linie Fragen stellen sollten: «Die Lösung muss aus dem Prozess selber kommen.»

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Ludovica Molo:  Frau Saaby, was haben Sie beruflich gemacht, bevor Sie Stadtarchitektin in Kopenhagen wurden?

Tina Saaby: Ich hatte zusammen mit drei Partnern ein eigenes Architekturbüro mit rund dreissig Mitarbeitenden. Wir arbeiteten hauptsächlich im Bereich des kostengünstigen Wohnungsbaus und konzentrierten uns auch auf kleine Projekte. Für uns war wichtig, dass alles, was wir tun, positive Auswirkungen auf die Gesellschaft haben muss. Neben meiner Arbeit im Büro habe ich mich in verschiedenen NGOs und im Architektenverband engagiert.

Wie kamen Sie zur Stelle als Stadtarchitektin? Mussten Sie sich bewerben oder wurden Sie direkt angefragt?

Es war eine ganz normale, offizielle Ausschreibung. Niemand hat auf mich gezeigt; für mich war aber schon im Stellenbeschrieb klar, dass eine Person gesucht wurde, die nicht nur über Architektur und öffentliche Räume sprechen kann, sondern auch über Prozesse. Und genau das hat unser Büro die ganze Zeit über gemacht – an Prozessen gearbeitet.

Was war Ihre Motivation, sich für die Position zu bewerben?

Das Stellenprofil, das ausgeschrieben wurde, hat mich einfach begeistert, ich kann es nicht anders ausdrücken. Die Stadt Kopenhagen forderte etwas ein, das ich für sehr wichtig halte. Politik und Verwaltung waren sehr zufrieden mit meinem Vorgänger; er war zu jener Zeit und in jenem gesellschaftlichen Kontext die richtige Person an der richtigen Stelle. 2008 war der Moment gekommen, dass man anders über Architektur sprechen wollte, im Sinne von: Was kann Architektur für die Gesellschaft tun?

Sie hatten eine klare und idealistische Vision, als Sie den Posten antraten, nicht wahr? Wie konnten Sie diese Vision in der Verwaltung und Politik verankern?

Nun, ich hatte ja keine Ahnung von der öffentlichen Verwaltung. Ich wusste nicht, was es bedeutet, Beraterin von Politikern und verschiedenen Abteilungen einer Stadtverwaltung zu sein. Die Arbeit hat mir von Anfang an viel Freude bereitet, denn sie war mit einem grossen Privileg verbunden: Ich hatte Zugang zu allen Departementen und Abteilungen, war also eine Figur, welche die oft engen Grenzen der Departemente überschreiten konnte. Es braucht selbstverständlich die klassische vertikale Führung, aber deswegen darf man nicht die horizontale Leitung vergessen. Ich kenne nur wenige Leute, die Erfahrung in der horizontalen Führung haben, denn sie funktioniert ganz anders. Als Stadtarchitektin musste ich in weiten Teilen der Verwaltung erst einmal klar machen, dass sich jede Entscheidung auf diese oder jene Weise im physischen Raum materialisiert. Das war den meisten Leuten nicht klar.

War das ein neues Stellenprofil, als Sie die Position übernahmen, oder gab es das schon vorher?

Die Stellenbeschreibung war ähnlich – als Berater, als Go-between und als «freie Stimme» –, aber ich konnte in einem anderen politischen und gesellschaftlichen Kontext arbeiten. In den 1990er Jahren stand Kopenhagen vor dem Bankrott und es wurde überhaupt nichts mehr gebaut. Architektur war schlicht kein Thema mehr und es ging zunächst einmal darum, sie wieder auf die Agenda zu bringen. Später, in den 2000er Jahren, setzte die Politik stark auf das Thema der Lebensqualität in der Stadt. 2006 kam ein Bürgermeister, der das ehrgeizige Ziel verfolgte, die Struktur der öffentlichen Verwaltung zu verändern. Kurz danach trat ich meine Stelle an.

Das Thema der Partizipation haben schon Sie neu eingebracht, nicht wahr?

Ja. Ich war schon immer interessiert an den Prozessen, die zu guter Architektur führen. Für mich ist klar, dass Architektinnen und Architekten mehr Fragen stellen müssen als fertige Lösungen zu präsentieren. Das ist meine Überzeugung – und der Zufall wollte es, dass ich zu einem Zeitpunkt Stadtarchitektin wurde, als sich diese Ansicht weltweit verbreitete. Auch die öffentliche Verwaltung sollte sich ändern: Anstatt nur «Ja» oder «Nein» zu sagen, sollte sie helfen, Prozesse anzuschieben und dabei den Stakeholdern helfen, aktiver Teil eines Projektes zu werden.

Braucht es dann für eine solche Position überhaupt noch einen Architekten, eine Architektin? Prozessdesign können auch andere.

Unbedingt! In den Verwaltungen fehlt verbreitet das Verständnis für das kreative Arbeiten. Ein erheblicher Teil meiner Arbeit war es, zu erklären, wie man von einem Raumprogramm zu einem Gebäude gelangt. Die meisten Menschen haben von diesem schwierigen Weg keinerlei Vorstellung – dass es viele verschiedene Phasen gibt, dass ganz viel ausgehandelt werden muss und dass ein Haus am Schluss unter Umständen ganz anders aussieht als man es sich am Anfang vorgestellt hat. Deshalb braucht es eine Architektin: Es ist ungeheuer wichtig, den Leuten zu helfen, diese Prozesse zu verstehen und nachzuvollziehen.

Sie waren hatten also als Teil der Verwaltung eine Mittlerposition zwischen der Politik, den Behörden, der Zivilgesellschaft – und den Architektinnen und Architekten.

Richtig. Und das war nicht immer ganz einfach. Für mich war ziemlich schnell klar, dass die Stadtverwaltung möglichst keine Antworten gibt, sondern Fragen stellt. Behörden haben Macht und sie müssen sich darüber im Klaren sein, dass sie damit unter Umständen Prozesse erschweren können. Ich wollte nicht entscheiden, ob man einen roten oder gelben Backstein nimmt, auch wenn das immer wieder von mir verlangt wurde. Die Lösung muss aus dem Prozess selber kommen.

An welcher Stelle im Organigramm war respektive ist die Position der Stadtarchitektin angesiedelt?

Die Stadtverwaltung von Kopenhagen ist in sieben Departemente aufgeteilt. Die Stadtarchitektin gehört zum Departement Technische Dienste und Umwelt und leitet darin eine Abteilung, die sich einerseits mit Strategien und andererseits mit konkreten Planungsvorhaben auseinandersetzt. Sie kann aber alle anderen Departemente bei Fragen des Raumes beraten. Einige der Departemente wurden richtig gut darin, mich um Rat zu fragen. Andere wiederum dachten, es wäre besser, mich möglichst nicht zu fragen. Ich musste also sehr aufmerksam sein und wissen, wann und wo etwas passiert.

Besonders wichtig ist das Verhältnis der Stadtarchitektin zur Politik. Ich nehme an, Sie hatten direkten Kontakt zu den Stadträten und zum Bürgermeister. Wie konnten Sie dort die Anliegen der Baukultur vermitteln?

Es gibt – wie immer – formelle und informelle Kanäle. An den offiziellen Sitzungen des Departements hatte ich eine Stimme und wurde nach meiner Einschätzung bestimmter Geschäfte gefragt. Auf der informellen Ebene habe ich mich regelmässig mit meinem politischen Vorgesetzten und dem Bürgermeister zum Mittagessen getroffen. Einmal im Monat hatte ich die Gelegenheit zu dieser offenen Aussprache. Dass so etwas überhaupt möglich ist, hat natürlich sehr viel mit Vertrauten zu tun. Diese Mittagessen waren fantastisch: Wir haben ein gegenseitiges Verständnis aufgebaut für die jeweils anderen Anliegen. Hinzu kamen regelmässige Velotouren durch die Stadt, die ich für die Entscheidungsträger organisierte. So konnten wir ganz konkret im Stadtraum sehen, was wie funktionierte und was nicht.

Sie haben viel davon erzählt, wie sie andere Menschen von den Werten der Baukultur überzeugt haben. Gab es auch Kräfte, die sich Ihnen entgegengestellt haben?

Grundsätzlich laueren natürlich überall «Feinde», sei es in der Bürokratie, in der Politik, bei den Investoren, aber auch bei den Architekten. Man muss vorsichtig und zugleich fordernd sein, es ist eine ständige Gratwanderung. Es ist nicht an mir, Visionen für die Stadt zu entwickeln. Diese Aufgabe nehmen die Politikerinnen und Politiker für sich in Anspruch; ich kann ihnen dabei aber helfen. Meine Aufgabe ist es, Wissen über den Raum und die Stadt zu vermitteln. Manchmal gab es Widerstände, aber nach ein paar Jahren konnte ich feststellen, dass das neue Wissen angekommen war – zum Beispiel bei den Immobiliengesellschaften.

Was können Sie aus Ihrer reichen Erfahrung als Stadtarchitektin weitergeben, zum Beispiel an die Kantonsarchitektinnen und Kantonsarchitekten in der Schweiz?

Es steht mir fern, einem Schweizer Kantonsarchitekten Ratschläge zu erteilen. Die politischen Systeme der Schweiz und Dänemarks lassen sich nicht ohne Weiteres vergleichen. Generell lässt sich vielleicht sagen, dass es hilfreich ist, eine Strategie zu entwickeln. Sie ist ein Tool, mit dem es sich erstaunlich effizient arbeiten lässt. Mir persönlich ist die Erkenntnis wichtig – die ich erst selber machen musste! –, dass die Verwaltung nach Möglichkeit Fragen stellt und beratend zur Seite steht. Und diese Beratung sollte den Entscheidungsträgerinnen und -trägern in der Politik irgendwie deutlich machen, dass es keine einfachen und schnellen Lösungen gibt. Qualität kann nicht einfach verordnet werden; sie braucht Zeit und viel Geduld.

Was sind nun Ihre Pläne für die Zukunft, nach den achteinhalb Jahren als Stadtarchitektin?

Das Jahr 2019 verbrachte ich nomadisch. Ich löste die Wohnung auf und lagerte die Möbel ein. In der nahen Zukunft möchte ich mehr schreiben und Bücher publizieren. Mir schweben kleine Handbücher über das city-making vor, für Menschen, die noch nie davon gehört haben: Was gilt es zu beachten, wie geht man am besten vor, mit welchen Leuten sollte man sprechen, solche Dinge.

Frau Saaby, vielen Dank für dieses Gespräch!

 

Tina Saaby (1967) war von 2010 bis 2019 Stadtarchitektin in Kopenhagen, zuvor war sie Partnerin bei WITRAZ architekter + landskab. Sie unterrichtete an verschiedenen Schulen und engagierte sich ehrenamtlich in zahlreichen Organisationen der Baukultur. 2019 wurde ihr vom Bund Deutscher Architekten die Ehrenmitgliedschaft verliehen.