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Das 20. Jahrhundert unter Denkmalschutz? – BSA/FAS

Baukultur der Hochkonjunktur

Wird nun das 20. Jahrhundert unter Denkmalschutz gestellt? – sicher nicht, wenn man die Politik fragt. Überhaupt weht von dieser Seite ein rauher Wind. Doch nicht nur darum steht die Schweizer Denkmalpflege vor grossen Herausforderungen.

Andreas Sonderegger

Sie kommt heute nicht länger darum herum, sich auch jener jüngeren baulichen Vergangenheit zu stellen, die von der Allgemeinheit bis anhin nicht als schutzwürdig galt. Allein in den Städten wurden 60% der Bausubstanz in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erstellt. Darunter sind viele wichtige Zeitzeugen der Nachkriegsmoderne, die mittlerweile in die Jahre gekommen sind. In den Kantonen ist die Inventarisierung dieser Objekte nicht einheitlich definiert und auch unterschiedlich weit fortgeschritten. In Zeiten der energiepolitischen Wende sind die vor der Erdölkrise erstellten Bauten akut gefährdet. Wie kann der Erhalt dieser Bauten in energetisch vertretbarer Weise erfolgen? Wie gehen wir mit ihrer schieren Zahl um?

Bis ins Jahr 2000 haben Diener & Diener Architekten aus Basel das Baudenkmal Hotel Schweizerhof behutsam saniert und den Festsaal des Architekten Leonhard Zeugheer als Rückgrat gestärkt. (Foto: Alexa Bodammer)

Für die involvierten Behörden, Bauträger und Planer ist eine neue Praxis gefragt. Für uns Architekten zählt zu dieser Praxis in der Realität weit mehr als der Substanzschutz, den die Denkmalpflege als Hauptziel definiert. Die architektonische Idee der Objekte sowie die sinnvolle und zukunftsfähige funktionale Neuprogrammierung gehören gleichwertig mit dazu. Gesucht ist der Erhalt der Integrität der schützenswerten Objekte. Dafür braucht es erfolgreiche Vorbilder. Mit dem Laboratoire des Techniques et de la Sauvegarde de l'Architecture Moderne TSAM (EPFL) verfügt die Westschweiz über eine in der Hochschullandschaft verankerte professionelle Institution, die bereits bei einem beeindruckenden Spektrum von Sanierungen gefährdeter Bauzeugen der Moderne mitgewirkt hat. In der Deutschschweiz fehlt Vergleichbares bis heute.

So wichtig und richtig die geschilderte Inventarisierungsaufgabe auch ist: Allerorten regt sich politischer Widerstand dagegen. Dieser richtet sich einerseits gegen die wachsende Zahl der Inventarobjekte, denn als schützenswert erachtet werden teils ganze Stadtteile. Doch oft ist dieser Widerstand der Politik ganz grundsätzlich, er wird inszeniert als Kampfansage gegen eine Erhaltkultur, die vor allem als Beschränkung der Eigentumsrechte verstanden wird. Wie können wir – Behörden und Planende – in Koorporation mit diesem wachsenden Widerstand umgehen? Die eingeladenen Beiträge geben Einblicke in spezifische Probleme und den politischen Kampf. Sie zeigen aber auch ermutigende Beispiele der Kooperation und der Entwicklung zukunftsfähiger Lösungsansätze.