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Das 20. Jahrhundert unter Denkmalschutz? – BSA/FAS

Das 20. Jahrhundert – Pflege Erneuerung Erhalt

Die Grosssiedlungen aus dem 20. Jahrhundert stellen uns heute vor unerwartete Schwierigkeiten bei ihrer Erneuerung. Sollen Eingriffe in diese Gebäude im Sinne des Denkmalschutzes erfolgen oder soll eine kostengünstige Renovierung zum Zweck der energetischen Optimierung vorgezogen werden?

Giulia Marino

Giulia Marino präsentierte ihre fundierte und ausführliche Untersuchung der Bauelemente für eine verträgliche Renovation der Grosssiedlung Le Lignon sowie eine Forschungsreihe über weitere grosse Architekturensembles der Westschweiz, die auf unterschiedliche Arten konstruiert worden sind. Die Bereitschaft auch Wohnsiedlungen des Zeitraums 1945-75 zu erneuern, ist nicht immer gegeben. Die EPFL zeigt mit ihren auf tiefgreifenden Kenntnissen der konkreten Bausubstanz basierenden Studien, dass sich der Aufwand lohnen kann. Sie belegen, dass Preise und Eingriffsumfang sinnvoll justiert werden müssen: nur detaillierte Voranalysen erlauben ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Investitionen und Schonung der Substanz, ohne die Ziele der energetischen Optimierung aus den Augen zu verlieren.

 

Trotz des Einsatzes der Berner Denkmalpflege und der Einwohner hat die mühsame Umsetzung der Massnahmen zur Energieoptimierung in der als Ikone weltbekannten Siedlung Halen bei Bern (Atelier 5, 1955-61) gezeigt, wie schwierig es ist, die kulturellen Werte des Bauwerks und die notwendige Reduzierung des Energieverbrauchs in Einklang zu bringen. (Bild © Claudio Merlini)

 

Die zwischen 2008 und 2012 durch das Laboratoire TSAM der EPFL geführte angewandte Forschungstudie zur Erhaltung der Grosssiedlung Le Lignon in Genf (Addor & Julliard, Louis Payot, 1963-71) zielte auf ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Denkmalschutz und Energieeffizienz, unter Berücksichtigung des Investitionsaufwands für die Eigentümer. Die Forschungsstudie wurde von Europa Nostra und dem Schweizerischen Ingenieur- und Architektenverein SIA prämiert. Die ersten Wohnhäuser werden entsprechend dem vom TSAM in der Studie erstellten Lastenheft renoviert. (Bild © Claudio Merlini)

 

Die Forschungsstudie des Laboratoire TSAM der EPFL wurde 2014-2015 von der Stiftung zur Förderung der Denkmalpflege unterstützt und konzentrierte sich auf eine Reihe grosser Ensembles der Westschweiz aus dem Zeitraum 1945-75. Die in der Siedlung Le Lignon angewandte Methode wurde auf weitere, nach ganz unterschiedlichen Konstruktionsarten realisierten Siedlungen ausgeweitet: vom Avanchet-Parc (Franz Amrhein, Walter Maria Förderer, Steiger Partner, 1973-75) über die Grossform am Quai du Seujet in Genf (Bild; Addor & Julliard, später Julliard & Bolliger, 1964-76) bis zur Siedlung Meyrin Parc (Addor & Julliard, Louis Payot, 1960-64). Die konsequente Gegenüberstellung der Variablen Denkmalschutz, Energie und Wirtschaftlichkeit fördert respektvolle und gleichzeitig wirtschaftliche Eingriffe in den Bestand. (Bild © Claudio Merlini)

 

Auch bei der Siedlung Carl-Vogt in Genf (Honegger Frères, 1961-64) wurden Sanierungsvarianten ausgearbeitet: von einer sehr behutsamen Pflege über die Renovation und bis hin zum «Einpacken». Es hat sich gezeigt, dass ein Gleichgewicht zwischen Erhalt des Baurahmens (mit punktuellen Eingriffen, die von innen ausgeführt werden) und Umwelt (durch eine konsequente Reduzierung des Verbrauchs) in der Regel eine Zielerreichung von 80–90% der gesetzlichen Werte erlaubt. Die übrigen 20–10%, die es erlauben würden, den geltenden Normen zu entsprechen, erfordern massive und destruktive Strategien mit Aussenhüllen, deren technische Machbarkeit einen exponentiellen Kostenzuwachs bei gleicher Lebensdauer bedingt. (Bild © Claudio Merlini)

 

 

Giulia Marino (1977) ist diplomierte Architektin der Universität Florenz und Doktorin der Wissenschaft der EPF Lausanne. Sie lehrt und forscht seit 2007 am Laboratoire des Techniques et de la Sauvegarde de l'Architecture Moderne (TSAM) der EPFL. Ihr wissenschaftlicher Schwerpunkt richtet sich auf die Geschichte der Bautechniken des 20. Jahrhunderts und auf die Sicherungsstrategien des modernen und zeitgenössischen Bauerbes. Seit 2015 ist sie Vize-Präsidentin von Docomomo Switzerland.